Die anderen Seiten Boliviens

Hi,

ich wollte mir diesen Beitrag eigentlich bis Lima aufheben, bis ich wieder in etwas anderen Gefilden, sprich sicheren Gefilden unterwegs bin. Nach meiner „Rückkehr“ nach Chile fühle ich mich aber nun bereit, dieses Kapitel zu schreiben. Bolivien hat sich gelinde gesagt nicht von der allerbesten Seite gezeigt. Ich habe schon erwähnt, dass ich fast in einen Streik geraten wäre. Nun, das war nicht alles.
Der Streik, dessen Grund ich bis dato noch nicht erfahren habe, war eigentlich nur der Gipfel. Man konnte eine etwas gespannte Stimmung schon bei der Einreise nach Bolivien spüren. Bei der Einfahrt nach La Paz musste sich der chilenische Bus durch die mit Passanten gefüllten Strassen drängeln und als ich beiläufig aus den Fenstern sah, bemerkte ich nicht nur dies. An den Straßenrändern hatten sich zwei bewaffnete Parteien postiert und der Bus fuhr mitten durch. Aufgrund der Dämmerung konnte ich nicht wirklich erkennen, ob die Polizei mit darin verwickelt war. Etwas gruselig war das schon.
Nach meiner Rückkehr vom El Chorro sagte man mir ja, dass die Busfahrer streiken würden. Deswegen fuhr ich noch am gleichen Abend nach Oruro. Eine gute Entscheidung, denn am nächsten Tag traf ich ein britisches Ehepaar, welche diese Information nicht bekommen hatten. Sie mussten ein Taxi nehmen. Dieses war dann nicht nur 15x so teuer, sondern wurden auf dem Weg noch von wütenden Streikern aufgehalten. Sie erzählten mir, dass das Taxi ständig Off-Road unterwegs war um den Blockaden und damit den Steinen auszuweichen. Sie saßen dann später mit mir im Zugabteil.
Die Zugfahrt war eigentlich sehr schön. Traumhafte Landschaften säumten unseren Weg und der Sonnenuntergang tauchte die Prae-Salar-Landschaft (später mehr zum Salar) in ein sattes orange. Als es dunkel geworden war, wurde auch der Zug von erbosten Streikern aufgehalten. Nachdem die Blockade aufgelöst war, bewarfen sie den Zug mit Steinen … zumindest das Gringo-Abteil. Mein Scheibe hatte danach einen Sprung … Glueck gehabt.
Am nächsten Tag sollte es von Uyuni nach San Pedro (Chile) in einem 3-Tages-Trip weiter gehen. Nun, planmäßige Abfahrtszeit war 10:30. Pünktlich 07:00 wurde ich aus dem Schlaf gerissen. Die gute Frau vom Reisebüro setzte sich wie selbstverständlich auf mein Bett und erklärte mir, dass ich mich noch einen Tag gedulden müsse. Nun gut, an Zeit mangelte es mir ja nicht. Ich verbrachte den Tag in Uyuni. Einen Friedhof der Züge sollte es kurz hinter dem Ort (und kurz vor dem Nichts) geben, auf dem alte Dampfloks und Waggons vor sich hinrosten. Ich bin zwar kein Eisenbahn-Fan, aber ich hatte ja sonst nix zu tun. Also bin ich dahin gestapft. Dort angekommen, lag ein riesiger „Friedhof“ vor mir. Ich schlenderte zwischen den Zügen herum und sinnierte über das Schicksal einiger ausgebrannter Loks. Ich bemerkte zwei Jugendliche, die sich auch dort herumtrieben. Ich nahm sie zur Kenntnis und behielt sie im Auge. Als sie auf etwa 100 Meter herangekommen waren merkte ich, dass einer der beiden einen langen glänzenden Gegenstand hervorholte und sich die beiden relativ schnell auf mich zu bewegten. Ich erkannte das Messer und rannte los. Nun, da auch die beiden losrannten … es war weit und breit kein anderer Mensch zu sehen.
Ich rannte und wie durch ein Wunder kam aus dem Staub ein Jeep, welcher in meiner Nähe anhielt. Ich bin mir nicht sicher, ob es ein Polizist war, welcher ausstieg, jedoch wurden die beiden durch die Präsenz des Mannes abgeschreckt und verschwanden so schnell wie sie gekommen waren. Es ging alles so schnell. Ich ging schnurstracks in die Stadt zurück und fühlte mich sicher, als ich wieder unter Menschen kam.
Nachdem ich mich einen Moment im Hotel ausgeruht hatte, wollte ich meine Gedanken im Netz aufschreiben. Ich hatte allerdings einiges an EPost bekommen, sodass ich mich entschloss, dies zu verschieben; auch weil ich keine Sorge stiften wollte. Mein Entschluss wurde durch einen eintägigen Stromausfall untermauert. Den restlichen Tag verbrachte ich noch mit netten Leuten aus Brasilien, Spanien und Kanada bei guten Gesprächen und Bier.
Dass man mir am Abend (kein Strom – kein Licht!) noch meine teuer erstandene und fast unbenutzte Faktor-50-Sonnencreme geklaut hatte (ich hatte sie vermutlich unachtsam an die Seite gesteckt), wollte mich dann auch nicht mehr stören.
Irgendwann musste sowas ja mal passieren. Ich bin außerordentlich froh, dass es so gut ausgegangen ist. Statistisch gesehen bin ich nun (hoffentlich) nicht mehr betroffen. Und hier in Chile fühle ich mich auch schon wieder besser; insbesondere diesbezüglich.
Wie es dann am nächsten Tag viel schöner weiterging schreibe ich morgen.

Bis dahin, Matthias
GPS-Daten:

Hotel Uyuni
S 20 27.958 W 66 49.590
3680m

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