Licancabur

Hola,

eigentlich wollte ich gestern noch den versprochenen dritten Blog schreiben. Aber mein Hostal hat zu einem Barbecue eingeladen. Da konnte ich nicht Nein sagen.
Vorgestern hat es mich dann also doch in Richtung Licancabur gezogen. Eine Besteigung war mein Ziel. Nach einigem Herumfragen in San Pedro wurde mir klar, dass die Chilenen die Besteigung zur Zeit nicht anbieten koennen, da auf der chilenischen Seite zu viel Schnee ist. Da die Grenze zu Bolivien direkt auf dem Gipfel verläuft, habe ich dann noch bei einer bolivianischen Reiseagentur nachgefragt. Die konnten mir immerhin den Transport in ein Refugio kurz hinter der Grenze organisieren. Den Rest sollte ich dann alleine machen …
Gesagt, gebucht. Früh um 8.00 fuhr dann mein Bus ab und nach 2 Tagen Aufenthalt in Chile, war ich wieder in Bolivien. Der bolivianische Grenzbeamte schmunzelte und sagte sinngemäß: „Bolivien hast du wohl lieber? Naja, es gibt ja auch die besseren Chicas hier …“ etwas überrascht musste ich ihm zustimmen ;-).
Angekommen im Refugio bekam ich Frühstück (ich hab mich einfach zu einer Gruppe dazugesetzt ;-)). Als dann die Touristenschar weg war realisierte ich, dass ich wohl den Guide alleine bezahlen muss und dass ich in dieser Nacht der einzige sein werde.
Das Refugio ist direkt an der Laguna Blanca gelegen auf 4300m Höhe. Man sagte mir, dass ich für eine Umrundung der Lagune etwa 3 Stunden benötigen würde. Also dicke Sachen angezogen und losgestapft. Ein kalter Wind war aufgekommen. Es war einfach traumhaft. Keine Menschenseele war zu sehen und ich konnte die Natur einfach nur genießen. Ich kam wieder vorbei an der Laguna Verde und hatte dieses Mal mehr Zeit, die Wellen zu beobachten. Der starke Wind sorgte für eine satte Grünfaerbung. Und über der Lagune erhob sich wieder einmal der mächtige Licancabur. Ich ging etwas weiter und kam an eine Therme. Wieder mal ein Zeichen vulkanischer Aktivität. Die ca. 30°C luden zum Baden ein. Als ich dann schon etwas aufgeweicht war, kam eine Touristengruppe im Jeep angefahren. Weil das Refugio und kein Jeep weit und breit zu sehen war, wunderten sie sich schon, wie ich alleine zu dieser Quelle gelangt war. Nachdem ich erklärte, dass ich 2 Stunden einfach nur gewandert war und noch 2-3 Stunden vor mir liegen, staunten sie nicht schlecht. Ich, nun vollends aufgeweicht, machte wieder auf den Weg. Flamingos konnte ich wieder beobachten. Drei Vicuñas waren dann meine Begleiter. Zunächst rannten sie natürlich weg (ich hätte nicht gedacht, dass Vicuñas so schnell sind), weil sie mich für einen Feind hielten, kamen dann aber die ganze Zeit hinter mir her und beobachteten mich skeptisch. Und schließlich kreisten noch diese möwenartigen Voegel über mir. Es waren tatsächlich noch 2-3 Stunden, bis ich wieder am Refugio ankam. Ein Guide kam vorbei und wir planten den nächsten Morgen. Nachts um 2 sollte es losgehen.
Dannach konnte ich ein weiteres Mal einen spektakulären Sonnenuntergang beobachten. Dieses Mal konnte ich nicht nur sehen wie die Sonne unterging, sondern es auch spüren.
Dann merkte ich wieder, dass ich in Bolivien war, als ich Abendbrot angeboten bekam. Fuer 10 Bolivianos (ca. 1 Euro) tischte man mir auf. Vorsuppe, Spaghetti (so viel, dass ich sie nicht aufessen konnte), Kuchen und Kaffee. Sensationell! In San Pedro hätte ich für das Geld einen halben Kaffee bekommen. Ich trank noch ein Bier, damit ich schneller einschlafen konnte.
Die Nacht sollte verdammt kalt werden. Mein Super-Schlafsack hielt aber sehr warm, während es in meinem Zimmer -5°C kalt wurde.
Halb zwei war es dann soweit. Fünf lagen Pullover und eine Jacke sowie 2 Hosen sollten als Wärmedämmung reichen. „A las dos en punto“ (pünktlich 2 Uhr) hatte man mir gesagt. Ich wartete noch 20 Minuten, ehe sich ein Jeep in der Ferne zeigte. Noch eine halbe Stunde fuhren wir bis zum Ausgangspunkt. Einen Höhengewinn hatten wir nicht zu verzeichnen. Am Ausgangspunkt waren es immernoch 4600m. 1316 Hoehenmeter waren also noch zu steigen. Gegen 03.00 gingen wir dann los. Glücklicherweise war kein Wind. Mit Stirnlampen beleuchteten wir alte Inka-Ruinen. Nach der ersten Stunde erreichten wir die 5000m-Grenze. Vom Misti weiß ich noch, dass alles über 5000m Quaelerei war. Ich sollte mich nicht irren. Wir stapften durch tiefen Schnee und durch Geröll. Mit der Höhe hatte ich keine Probleme. Nur hatte mein Guide einen ständigen Gesichtsausdruck, der so aussah als wollte er sagen: „Man bist du langsam, mach mal ein bischen hin.“ Kurz vor Sonnenaufgang überlegte ich, ob ich aufgeben soll. Ich wollte mich nicht wie ein Stück Vieh hochtreiben lassen. Sein ständiges „Rapido, Rapido“ ging mir gelinde gesagt auf die Nerven. Dann ermunterte mich das Licht der Sonne weiterzugehen. Es wurde nicht wirklich wärmer, aber das Orange am Horizont motivierte mich. Wir rannten unfassbar schnell den Gipfel hinauf. Und immer als ich ihn fragte, ob er mit anderen Gruppen schneller sei, nickte er. Gegen 07.00 erreichten wir den Gipfel. Für mich war das neuer Höhenrekord: 5916m! Mein Thermoter zeigte -15°C und mein persönlicher Akku war fast leer. Ich fragte ihn, was so die Durchschnittszeit für die Besteigung ist. Er lächelte (zum ersten Mal!) und sagte, dass er normalerweise 6-8 Stunden mit Touristen braucht. Wir hatten 4 Stunden gebraucht. Ich konnte ihm einfach nicht mehr böse sein. Als wir auf dem Gipfel standen, kam die Sonne hinter den Bergen hervor. Ein sagenhafter Moment. Ich machte auf Grund der eisigen Kaelte nur schnell ein paar Fotos. Dann lutschte ich an meinem inzwischen gefrorenen Wasser und investierte meine letzte Kraft in das Kauen eines harten Schokokekses. Jaja, ich weiß: Das ist mein Sommerurlaub. Er sagte, der Abstieg sei in 40 Minuten zu machen. Er zeigte mir auch gleich wie: Er rannte förmlich den Berg herunter. Mir war das etwas zu gefährlich und ich ging es ruhiger an. Sein Gesichtsausdruck war schon wieder da. Und obwohl ich wusste, dass er immer so schaut, sagte ich ihm, dass mir das zu schnell geht. Er verstand es nicht wirklich. Ohne Pause rannte er den Berg herunter. Paradoxerweise verstand er mich dann, als ich deutsch mit ihm sprach. Dieses Phänomen habe ich schon oft festgestellt. Solange man mit den Einheimischen spanisch spricht, bringt man Respekt entgegen. Emotionen bringt man in der Muttersprache aber besser rüber. Als erdann nickte, übersetzte ich ihm meine Worte noch in Spanisch. Er nickte noch einmal, als ich ihm sagte, dass ich meine Arme und Beine, genauso wie er, in Deutschland zum studieren und arbeiten brauche. Den Rest des Weges gingen wir ruhiger und erreichten den Jeep nach einer reichlichen Stunde. Dann organisierte mein Guide noch den Rücktransport nach San Pedro und wieder musste ich die ganzen Grenzformalitäten mitmachen. An der bolivianischen Grenze wurde ich von der Gebuehr befreit, die ich sonst immer zahlen musste; Mengenrabatt ;-).
Fazit: Der Licancabur war eine gute Wahl. Der Vulkan an sich besticht durch seine exakte Kegelform und die Schneehaube. Die Besteigung war sicherlich viel schwerer als die des Misti. Vermutlich ist das aber meine subjektive Meinung nach dieser Hetzjagd zum Gipfel. Ein weiterer Höhepunkt war es allemal.
Heute werde ich wiedermal nach Arica fahren, um dann nach Tacna zu fahren. Von da geht morgen mein Flieger nach Lima. Nach reichlich vier Wochen treffe ich wieder auf bekannte Gesichter. In Lima freue ich mich schon auf das Klettern in der näheren Umgebung. Da mein Flug erst am 20.09. ist, werde ich evtl. noch einmal von Lima aus ein paar Tage in die Berge nach Huanuco fahren. Aber schau mer mal …

Machts gut, Matthias

GPS-Daten:

Refugio Laguna Blanca
S 22 49.318 W 67 47.023
4346m

Thermalbad an der Laguna Blanca
S 22 46.958 W 67 48.160
4315m

Ausgangspunkt für die Besteigung des Licancabur
S 22 49.772 W 67 51.285
4654m

Wegpunkt
S 22 49.796 W 67 51.805
4862m

Wegpunkt
S 22 49.762 W 67 51.971
4932m

Wegpunkt
S 22 49.819 W 67 52.117
5068m

Wegpunkt
S 22 49.823 W 67 52.241
5172m

Wegpunkt
S 22 49.841 W 67 52.346
5273m

Wegpunkt
S 22 49.784 W 67 52.394
5344m

Wegpunkt
S 22 49.811 W 67 52.537
5479m

Wegpunkt
S 22 49.829 W 67 52.619
5558m

Wegpunkt
S 22 49.876 W 67 52.673
5625m

Wegpunkt
S 22 49.896 W 67 52.734
5708m

Wegpunkt
S 22 49.939 W 67 52.826
5835m

Gipfel
S 22 49.986 W 67 52.962
5616m

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3 Responses

  1. Holger Männich sagt:

    Respekt, Respekt- was bin ich neidisch!
    Wir freuen uns aber auch sehr, dich bald bei uns zu haben.

    Papa

  2. Hans-Dieter sagt:

    Hallo,
    ich bin von deinen Aufzeichnungen sehr beeindruckt. Ich war selber 2008 an der Laguna verde bei einer Rundreise durch Bolivien. Wir sind auch in San Pedro de Atacama gestartet. Der Link oben ist ein YouTube Video von einem Film den ich gerade mache. Wir sind natürlich nicht den Licancabur erstiegen da wir es wahrscheinlich nicht geschafft hätten. Ich habe vor kurzem einen Film gesehen von Reinhold Messner aus der Serie die Wohnungen der Götter. Er hat wohl für den Aufstieg 8 h benötigt und meinte das dieser sehr schwierig sei. Er nannte den Berg den Berg der kalten Sonne. Ich kann das sehr gut verstehen da wir auch mächtig gefroren haben. Vielleicht könntest Du mir mal ein paar Bilder schicken die ich mit verarbeiten kann. Wenn der Film fertig ist schicklich ich ihn dir natürlich auch gerne.
    2000 waren wir in Peru, da gibt es schon einen Film. Unter meinem YouTube Namen gibt es zwei kleine Ausschnitte.
    Vielen Dank für dein Bericht, ich würde mich freuen von dir zu hören.

  3. Hans-Dieter sagt:

    Das YouTube Video kann man sehen wenn der Name Hans-Dieter angeklickt wird. Es ist erst ein ganz kleiner Ausschnitt, da ich noch am Anfang bin.

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