Warum man es immer wieder tut – Huayna Potosi

Hola,

manchmal werde ich gefragt, wieso ich freiwillig enorme Strapazen auf mich nehme, um Berge zu besteigen (und wieso ich für diese Leiden bezahle). Eine Antwort ist, dass mich die Herausforderung reizt, an Punkten zu sein, wo nicht jeder hingelangt. Dieses weitere Bergkapitel soll wieder einmal ein paar Gründe für (bzw. für manche wohl eher gegen) diesen schönen Sport hervorbringen.

Als ich letztes Jahr im schönen Kontinent reiste, hat es mich zweimal zu einem Bergabenteuer hingerissen (vgl. die Beiträge zu Misti und Licancabur). Das wahrhafte Sahnehäubchen hatte allerdings noch gefehlt: ein Gletscher! Schon im letzten Jahr bekam ich den Tip, einmal den Huayna Potosi in der Cordillera Real nahe La Paz zu besteigen. Nachdem aus finanziellen Gründen eine Besteigung des Pisco in Huaraz ausbleiben musste, war dieser nun fest in den Reiseplan verankert und das vorausgegangene Höhentraining motivierte auch Franziska, eine Besteigung zu wagen.

Nachdem wir in La Paz angekommen waren, machten wir uns gleich zum Reisebüro des Voigtländers auf, mit welchem ich im letzten Jahr sehr gute Erfahrungen gemacht hatte. Die Besteigung sollte nicht ganz billig sein (verhältnismäßige), dafür aber in einer kleinen Gruppe mit einem sehr erfahrenem Bergführer stattfinden. Auf Grund der aktuellen Wetterkapriolen war es gut, dass wir noch einige Tage auf die Verfügbarkeit des empfohlenen Führers warten mussten. Außerdem entschieden wir uns für eine Besteigung in drei Tagen, um den üblichen Schwierigkeiten der Höhe besser begegnen zu können.

Am Montag ging es dann also los. Ein weiterer Deutscher (Ronald) stieß noch zu unserer Gruppe und gegen 9:00 Uhr wurden wir mit (seltener) Pünktlichkeit von Eulogio, unserm Guide, abgeholt. Unser erster Weg führte uns mit dem Auto zum Basislager am Fusse des Huayna auf 4700m. Es schneite und die Zeltmöglichkeiten waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich vorhanden. Ein Wasserkraftwerk, welches direkt am Basislager steht, öffnete uns (sicherlich auf Grund von Vitamin B) eine kleine Küche, in der Eulogio dann ordentlich auftischte. Der Plan für diesen Tag sah ein kleines Training im Umgang mit den Eisgeräten etc. vor. Dazu sind wir am frühen Nachmittag zum Gletscherfuss des Huayna gelaufen. Mit größter Sorgfalt wurde uns dann erklärt, wie mit Eispickel und Steigeisen umzugehen sei. Nach ein paar mal Klettern und Abseilen sind wir dann noch als Seilschaft ein paar Meter gegangen, um ein Gefühl für solch ein Unterfangen zu bekommen.

Als wir letztendlich wieder am Refugio waren, gab es lecker Abendessen. Und es stellte sich heraus, dass wir doch kein Zelt mehr aufbauen sondern im Wasserkraftwerk schlafen durften. Als wir den kleinen Raum besichtigten, stellten wir die Existenz eines Halogen-Heizers mit Freude fest. Dieser Raum hatte letztendlich nur einen Haken. Direkt nebenan war eine Art Leitstelle für das Kraftwerk, an der regelmaessig Funksprüche ankamen und „Alpaka 6“ wollte sich eben gerne mit „Viscache 9“ unterhalten.

Am nächsten Morgen stellten wir mit großer Freude die freie Sicht auf den Gipfel des Huayna fest, was in den letzten Tagen nicht möglich gewesen war. Ebenso entdeckten wir eine Reihe gefrorener Zelte der anderen Gruppen. Nach einem sehr üppigen Frühstück gingen wir etwa zwei Stunden recht problemlos ins High-Camp auf 5130m. Dieses war völlig eingeschneit, da es die letzten Tage doch ordentlich Schnee gegeben hatte. Somit musste ich mich auch von der Idee verabschieden, meinen Travelbug (Stichwort: Geocaching) dort auszusetzen. Und wieder fanden wir Platz in einer Hütte. Das dortige Refugio stellte ein Matratzenlager bereit. Den restlichen Tag verbrachten wir mit Essen, Lesen, Schlafen und dem Anhoeren der Berggeschichten derer Erschöpften, die gerade vom Gipfel kamen. Gegen 18:00 Uhr gingen wir zu Bett. Wer nicht schlafen konnte, entdeckte hell leuchtende Blitze am Abendhimmel, die nichts Gutes bedeuten sollten.

Der nächste Tag begann recht zeitig: 01:00 Uhr wurden wir mit der Aufforderung, zum Frühstück zu kommen, geweckt. Gegen 02:00 Uhr machte Eulogio ein bisschen Druck, denn eigentlich wollten wir um diese Zeit losgehen. Im Nachhinein mit gutem Grund, denn die ersten Gruppen bekamen die besseren Spuren im Schnee. Also zogen wir die Steigeisen an und gingen los.

Die ersten Meter gingen noch recht problemlos. Wir trotteten in Seilschaft Eulogio hinterher. Nach einer reichlichen Stunde waren wir zu unserer Überraschung bereits auf 5500m und nach einer weiteren knappen erreichten wir die erste Schluesselstelle des Weges: In einer steilen Schneewand galt es anstrengende 30m zu ueberwinden. Nachdem diese gemeistert war, schlängelte sich der Weg durch den Schnee Meter für Meter voran und hinauf. Am Horizont sahen wir bereits das erste Leuchten der aufgehenden Sonne.

Nun wurden die Schritte immer schwieriger: Mit jedem Höhenmeter wurde die Luft dünner und auch die zunehmende Erschöpfung setzte zu. Teilweise gingen wir nur einige Schritte, bevor wir wieder durchatmen mussten. Eulogio beherrschte dabei die Technik des unterschwelligen Draengelns: Er ist keiner von diesen Guides, die einem ständig sagen, wie langsam man ist, sondern er läuft mit immer straffem Seil voran und wartet man doch einmal einen Moment länger, war ein leichtes Rucken am Seil die Motivation, weiterzugehen.

Gegen Sonnenaufgang erreichten wir die eigentliche Schlüsselstelle des Weges: Eine reichlich 150m hohe Steilwand aus Schnee und Eis trennte uns noch von unserem Glück. Unglücklicherweise waren unsere Kraftreserven an dieser Stelle schon so ziemlich aufgebraucht und ein Weitergehen war irgendwie nur schwer vorstellbar. Eulogio machte den Vorschlag, die Steilwand zu umgehen; auch weil sich dort schon so viele Gruppen vor uns zu schaffen machten. Wir gingen also die Umgehung durch knietiefen Schnee und jeder Schritt wurde inzwischen von einem einzelnen Atemzug begleitet. Unsere Herzen rasten. Nachdem ein Brasilianer am Vortag im High Camp von der schlimmsten Stunde seines Lebens sprach, konnte ich seine Worte jetzt nachvollziehen. Und genau das sind auch die Momente, an denen man sich fragt: „Wieso tust du das eigentlich?“ Der einzige Grund, weiterzugehen, scheint zu sein, dass man es bereits bis hierher geschafft hat.

Und dann war es endlich so weit: Gegen 07:06 Uhr erreichten wir nach einem (kürzeren) finalen Steilstück mit letzter Kraft den Gipfel. Bei klarem Fernsicht-Wetter genossen wir trotz eisiger Kälte unseren Gipfel-Sieg auf neuer Rekordhöhe von 6088m. Nachdem es in den letzten Tagen immer sehr bewölkt war, hatten wir wohl den ersten richtig schönen Tag erwischt. Durch die eisige Kälte (etwa -10°C) erlaubte meine Kamera nur drei Gipfelfotos, bevor der Akku vorgab, lehr zu sein. Die Kamera von Ronald wird dann noch weitere „Beweisfotos“ liefern.

Der Abstieg ging dann wieder etwas zügiger. Im Prinzip gingen wir den gleichen Weg zurück. Nur an den Steilstellen wurde abgeseilt (was Eulogio nicht daran hinderte, frei herunter zu steigen, um seine Eisschrauben zu behalten). Wir entdeckten lauter tolle Eisstellen, die uns bisher auf Grund der Dunkelheit verborgen geblieben waren und die unter uns entstehende Wolkenschicht sorgte für eine fantastische Stimmung. Nur die herunterprasselnde Sonne machte uns zu schaffen. Nicht nur, dass wir nun entsetzlich schwitzten, auch der Schnee wurde durch sie immer nasser und klebte in großen Batzen an unseren Steigeisen. Damit wurde der Abstieg zu einer etwas leidvollen Pflicht.

Trotzdem erreichten wir recht schnell wieder das High Camp. Dort gab es noch eine ordentliche Stärkung und nachdem wir gepackt hatte, stiegen wir am frühen Nachmittag zum Base Camp ab. Das sollte noch einmal etwas unangenehm werden, denn der Weg war voll von nassem Schneematsch. Dies besiegelte dann auch die letzten Tage meiner Bergschuhe, deren Profilsohle sich schon fast abgelöst hat.

Im Base Camp wartete dann schon der vorausgegangene Eulogio mit Cola, Empanadas und Salteñas (bolivianische Spezialitaet: mit Fleisch, Ei, Gemuese, etc. gefuellte Teigtaschen) sowie ein Taxi, dass uns dann wieder ins Tal brachte.

Und wieder sage ich mir, dass ich das so schnell nicht wieder machen werde … und trotzdem werde ich es wieder tun! Und warum? Weil es eines der schönsten Gefühle ist, dass ich kenne, wenn die körperliche Anstrengung derart belohnt wird.

Ciao, Matthias

You may also like...

1 Response

  1. Jenny sagt:

    Hört sich klasse an, mehr!
    (Und wo bleibt das Leiden?)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *