Ende-der-Welt-Gefuehle in Ushuaia

Hi,

angekommen in Punta Arenas blieb mir gar nicht viel Zeit zur einen Tag spaeter startenden Trekking-Tour nach Ushuaia nein zu sagen. Gleich am naechsten Tag 8:00 Uhr sollte es losgehen. Sebastians Schwester Chistin, ihr Freund Christian sowie Jonathan, ein Praktikant der letzten Saison, luden mich ein, an ihrem Vorhaben teilzuhaben. Schnell waren noch einige Einkaeufe erledigt sowie die noch fehlende Ausruestung zusammengepackt und schon war ich bereit fuer mein erstes suedchilenisches Abenteuer. Aber halt: Ushuaia liegt ja, wie der geneigte Leser bereits erahnte (das wollte ich schon immer mal schreiben ;-)), auf der argentinischen Haelfte von Feuerland. Also gab es erstmal ein suedargentinisches Abenteuer, was ebenso eine Premiere fuer mich war.

Mit chilenischer Puenktlichkeit, die ich von nun an gar nicht weiter erwaehnen muss, rollte der Bus am Morgen los. Nach einigen Stunden entlang der Magallanstrasse in noerdlicher Richtung erreichten wir die Faehre nach Feuerland. An sich irgendwie gar nicht so richtig  spektakulaer, denn eine (etwas) gewohnte Nordsee-Athmosphaere lag in der Luft. Karge Buesche saeumten die Ufer der Meeresenge und in etwas Entfernung konnte man einen Leuchturm im klassisch rot-weissen Muster erkennen. Das Wetter schien Ueberaschungen bereit zu halten, aber momentan noch keine negativen.

Angekommen auf Feuerland war, und auch das wird der geneigte Leser bereits vermuten, kein Feuer zu sehen. Vielmehr kommt der Name von den im 16. Jahrhundet von Seefahrern beobachteten Lagerfeuern der Ureinwohner. Stattdessen zeigte sich die Insel als sehr flaches, offenes und karges Wiesenland. Der Himmel klarte auch wieder auf und man konnte einige Sonnenstrahlen erhaschen.

Nach wiederum einigen Stunden erreichten wir die Grenze. Die Formalitaeten sind etwas verwirrend und fuer europaeische Verhaeltnisse etwas aufwaendig (in Zeiten von Schengen sicherlich sehr aufwendig). Gleich hinter der Grenze hielt der Bus kurz zum Tanken und ich konnte erste Erfahrungen mit der argentinischen Variante des Spanischen (von manchen Chilenen auch liebevoll mit Gaucho-Spanisch verwechselt) machen.

Gegen Abend erreichte der Bus nun „die andere Haelfte“ der Insel. Diese ist durch tief eingeschnittene Taeler mit Lagunen gekennzeichnet, die wiederum von Bergen mit weissen Gipfeln umgeben sind. Die niedrigen Wolken machten den Anschein als puderten sie die Spitzen der Berge gerade neu. Wenig spaeter erreichten wir dann auch Ushuaia, den Ausgangspunkt unseres Treks, und unsere Herberge fuer diese Nacht.

Am naechsten Morgen starteten wir,  nachdem wir unseren Brot-Vorrat noch einmal bei einer lecker duftenden Panaderia aufgefuellt hatten, mit einem Collectivo zum Kilometer 17. Dort angekommen konnten wir zunaechst keinen wirklichen weg ausmachen. Die Beschreibung sagte aber auch nur „einfach 50m in den Wald rein bis zu einer rostigen alten Huette“. Mit kleinen Umwegen erreichten wir die Huette und dann auch einen alten 4WD-Weg.

Unser Weg fuehrte uns durch Wald und Fluesse bis zu einer Lichtung. Nunja, diese Lichtung war eher ein Moor, in dem mal kein Wald wuchs. Aber an dieser Stelle konnten wir richtig schoene Blicke auf die bizarre Felslandschaft und die beeindruckend abwechslungsreichen Farbenspiele der Natur erhaschen.

Unser Weg fuehrte uns dann durch eben dieses Moor und nach ein wenig weiteren Waldes zu unserem ersten Nachtlager. Eine kleine Holzhuette mit allerlei Ausstattung bot uns ein ausserordentlich akzeptables Quartier. Nachdem wir bei Sonne und traumhafter Aussicht das Abendessen kochten und es auch assen und es auch schmeckte, heizten wir den in die Huette integrierten Holzofen und konnten bei Lampenlicht und Ofenwaerme noch ein bisschen den abend gemeinsam geniessen.

In der Nacht kam boeiger Wind auf und die Huette kuehlte auf 9º C ab. Im warmen Schlafsack war das natuerlich kein Problem. Der Morgen war klar und voller frischer Luft. Das erste Muesli-Fruehstueck der Saison war kein Reinfall, anders letzten Sommer (siehe dazu den Beitrag zur Laguna Churup)  und meine Standartsorte habe ich damit dann wohl gefunden.

Am naechsten Tag sollten wir bis hinter die ersten zwei Paesse kommen, das war zumindest der Plan. Zunaechst folgten wir dem Flusslauf des in unmittelbarer Entfernung zum Refugio vorbeifliessenden Baches. Und wieder wusste die Natur mit bunten Farben und fantastischen Blicken zu ueberraschen. Unter blauem, leicht bewoelkten Himmel, liefen wir auf rotem, gelben und gruenem Moos mit Blick auf die ueber dem Moor empor ragenden spitzen Gipfel.

Nach wenigen Kilometern wurde ich spontan an die alte Dentagard-Werbung erinnert, als Biber-Staudaemme den Fluss unterbrachen und frisch angenagte und gefaellte Baeume fertig zum Transport lagen. Die Biber sind hier aber eher eine Plage und werden hier mitunter einfach gegessen. Das werde ich wohl auch mal probieren muessen. Sie sind ja eine Plage! 😉

Dann verloren wir ein bisschen den Weg und liessen uns from Trekking-Fuehrer in die irre leiten. Naja, eigentlich war es unsere Schuld, aber die wahre Bedeutung der mehrdeutigen Beschreibung erkannten wir erst zu spaet. So zweigten wir zu zeitig ab und fanden uns einige hundert Meter neben und einige hundert Meter ueber dem Weg wieder. Der erhoffte Pass lag offensichtlich doch noch weit entfernt und unser famoser Aufstieg auf eine Schulter wurde mit einem gebuehrlichen Abstieg geruehmt. Da wir aber zum Teil anderen Fussspuren gefolgt sind, konnten wir es nicht einmal Erstbesteigung nennen.

Mit etwas Zeitverlust aber umso besseren Aussichten von weit oben erreichten wir das naechste Zeltlager inmitten eines kleinen Waeldchens und schlugen unsere Zelte auf.

Am Abend entschied ich mich, am naechsten Tag wieder alleine abzusteigen. Irgendwie war ich in Chile nach dem ganzen Reisen noch nicht wirklich innerlich angekommen und hatte das Beduerfnis, noch etwas Zeit in der neuen Heimat zu verbringen. Gesagt, getan. Nach einer ruhigen Nacht und einem abermals exzellente Fruehstueck, machte ich mich auf, den richtigen Weg zu finden. Und ich fand ihn. Ausserdem konnte ich noch einen Biberdamm ganz genau studieren. Am Refugio legte ich dann eine Mittagspause ein und erreichte dann auch recht flott die Strasse.  Ein argentinisches Paerchen nahm mich dann noch bis Ushuaia mit und versorgte mich mit meinen ersten Facturas (das sind kleine Gebaeckhoernchen).

Die Rueckfahrt nach Punta Arenas stellte sich zunaechst als etwas kompliziert da. Schliesslich ist hier ja auch zu Ostern alles geschlossen. Es war nun mehr oder weniger ein Pokerspiel, noch einen Sitz im Bus zu bekommen. Mit der Information, dass 05:30 ein Bus faehrt, bin ich zu Bett gegangen. In der Nacht hat sich das leider wieder das Klischee von israelischen Touristen bestaetigt. Gnadenlos ruecksichtslos machten sie Laerm bis weit nach Mitternacht. Das Theater muendete schliesslich in einem kaputten Bett, was unter der Last mehrerer Personen mit lautem Krach nachgab.

Am morgen musste ich dann erfahren, dass der Bus ausnahmsweise bereits schon 05:00 abgefahren sei. „Na toll“ dachte ich so bei mir und stellte mich auf einen weiteren Tag Ushuaia ein. Ich nutzte den ruhigen klaren Morgen, um durch die Strassen zu schlendern. Dabei bekam ich zwei essentielle Dinge mit: Zum einen war hier augenscheinlich das Ende der Welt. Schliesslich gab es hier das „Hotel am Ende der Welt“, das „Ende-der-Welt-Museum“, den „Ende-der-Welt-Supermarkt“ und die „Ende-der-Welt-Streichhoelzer“, die ich, obwohl als Souvenier gedacht, irgendwie liegengelassen habe.  Zum anderen entdeckte ich, wie schoen Ushuaia eigentlich gelegen ist. Eingerahmt von schneebedeckten Bergen am Beagle-Kanal gelegen, versprueht es insbesondere im schoenen roten Morgenlicht einen ganz sympathischen Charme.

Zudem entdeckte ich beim Schlendern an der Promenade einen Bus, der gerade abfuhr und an dem vorne in grossen Lettern „Punta Arenas“ leuchtete. Schnell rannte ich los und verhandelte mit dem Busfahrer, dass er noch warten moege, bis ich meine Sachen aus dem Hostal geholt hatte. Nach meinem Rucksack-Sprint fand ich den Bus noch vor und einen freien Sitzplatz im Inneren.

Nachdem ich fertig geschwitzt hatte, wurde die Fahrt dann ganz ruhig und was ich bisher nur im Dunklen sehen konnte, war nun bei Tageslicht sichtbar. Auf der Fahrt bin ich noch mit einer alten deutschen Journalistin ins Gespraech gekommen. Dem werde ich aber vielleicht mal einen eigenen Eintrag widmen.

Nach einer knappen Woche und vielen Zeilen Text bin ich dann wieder bei Marisol und Sebastian aufgeschlagen, wo ich die naechste Zeit verbringen werde, bevor ich dann im Parque Torres del Paine nach neuen Herausforderungen suchen werde.

Liebe Gruesse, Matthias

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