Ganz schön durch den Wind – Torres del Paine

Hola,

nach etwas längerer Abstinenz gibt es nun wieder ein paar Zeilen. Diese Mal muss ich etwas tiefer in der Erinnerung kramen, denn im Nationalpark Torres del Paine war ich schon Anfang April. Glücklicherweise habe ich mir damals schon Notizen gemacht, die mich jetzt an die kleinen Dinge erinnern lassen, welche man sonst so schnell vergisst.

Der Nationalpark liegt nördlich von Puerto Natalas, was wiederum nordwestlich von Punta Arenas liegt. Mitten in lediglich hügeligem Gelände und nord-westlich begrenzt vom Inlandeis ist er ein kleines Paradies aus mächtigen Türmen, Gletschern und Lagunen, insbesondere für Trekker.

Diesmal war ich alleine unterwegs und hatte mir die große Runde ausgeguckt, die 8-10 Tage dauern sollte. Etwas südlich beginnend läuft man auf die Torres zu und umrundet sie dann, sodass der Weg auf der Karte wie ein „Q“ aussieht. Tatsächlich gibt es noch eine populäre Alternative, das „W“. Aber dazu später mehr.

Tag 0

Mein Ausgangspunkt war Puerto Natales, ein kleines Turisten-Städtchen ein paar Busstunden von Punta Arenas entfernt. Ich kam bei Bill, einem Freund von Marisol und Sebastian, in seinem Hostal Erratic Rock unter. Dort konnte ich schlafen und bekam am nächsten Morgen ein ganz besonders leckeres Frühstück: Müsli, echter Kaffee, frischer Saft, selbstgebackenes Brot („only one slice per person and first come first serve, folks“) und Joghurt. Bill macht sogar die Omelettes für seine Gäste selber. Ich denke, nur Nutella kann dieses Frühstück vom Königsfrühstück zum Kaiserfrühstück veredeln. :-)

Tag 1

Gegen 7:00 Uhr fuhr der Bus in den Park ab, sodass ich meinen Ausgangspunkt (die Administracíon) gegen 11:00 Uhr erreichte. Der Ranger vor Ort hatte schlechte Nachrichten: Es sei aufgrund der Wetterbedingungen momentan nicht möglich, die volle Runde zu machen. Zudem habe es wohl eine Lawine im Norden gegeben. Zur eigenen Sicherheit war nur noch das „W“ erlaubt.
Diese Information nahm ich erstmal so hin, wollte mich aber noch nicht für „Q“ oder „W“ entscheiden. Schließlich hatte mir Sebastian gesagt, dass die Ranger den nördlichen Teil in der Nebensaison generell schließen und man offiziell dann nicht mehr dort langgehen darf.

Meine erste Tagesetappe sollte nur 2 Stunden Gehzeit umfassen und mich zum Campamento Las Carretas führen. Mit dem Wetter hatte der Ranger schonmal recht: Nach einer halben Stunde setzten die patagonischen Winde mit heftiger Stärke ein und bliesen mir voll entgegen. Darauf war ich vorbereitet. Allerdings kam dann noch Regen hinzu. Nachdem ich komplett nass war, hörte der Regen auf und der Wind alleine trocknete mich wieder. Selbstverständlich setzte der Regen wieder ein, als ich trocken war. Sonst würde Regen ja auch wenig Sinn machen :-(. Trotzdem kam ich dann trocken und nachdem eineinhalb Stunden vergangen waren am Campingplatz an. Während ich mein Zelt aufbaute, dachte ich über die Gehessigkeit des Wetters nach und wurde, wie konnte es anders sein, von selbigem wenig überrascht.

Als das Zelt stand, hab ich die Vorzüge des geborgten Benzin-Kochers zu schätzen gelernt und hatte relativ fix eine warme Suppe. Inzwischen schien sogar die Sonne und es wurde noch ein richtig schöner Nachmittag. Ein Chilene war noch mit mir auf dem Campingplatz. Er war die letzte Zeit im Park unterwegs und machte mir Mut, doch das „Q“ zu machen.

Da folgende Nacht sollte etwas anstrengend werden. Etwa gegen Mitternacht hörte ich es an meinem Zelt rascheln. Irgendetwas schien mein Zelt zu umkreisen. Ein Tier scheinbar. Ich dachte mir nicht viel dabei und schlief weiter. Etwas später hatte ich das Gefühl, dass es nicht nur um mein Zelt herum raschelt, sondern auch irgendwie drin. Ich knipste das Licht an und nahm meine Umgebung unter die Lupe. Und tatsächlich: scheinbar hatten Mäuse das Zelt angenagt. Da es aber noch ein kleines Loch war, begnügte ich mich mit der glorreichen Idee, den etwas streng riechenden Benzin-Kocher vor das Loch zu packen, in der Hoffnung, dass es eine abschreckende Wirkung haben würde. Das war aber ein Trugschluss und der Umstand, dass das Rascheln immer entlang der Grenzen meines Zeltes zu hören war, machte mich dann (leider etwas spät) stutzig. Den Mäusen hatte das kleine Loch gereicht, um in das Zelt zu gelangen. Inzwischen war es gegen 03:00 Uhr und eine erneute Mäusejagd war zumindest derart erfolgreich, dass die Maus das Zelt verließ. Ich flickte das Zelt notdürftig mit Duckt-Tape und legte mich siegessicher schlafen. Dummerweise mußte ich später feststellen, dass ich damit die andere Maus eingeschlossen hatte. Diese hüpfte fröhlich die ganze Nacht auf meinem Schlafsack herum und zerfleischte mein Toilettenpapier.

Tag 2

Am nächsten Morgen räumte ich erstmal das komplette Zelt aus. Von der Maus war nichts mehr zu sehen, außer eine Menge Kot in der Nähe des Loches. Vermutlich hat sie sich beim Ausräumen verdrückt. Besser für sie. Die anderen Camper hatte es aber zum Teil noch schlimmer getroffen. Zwei Briten hatten das Pech, dass ein kompletter Tagesvorrat zerfleischt und die Candies aufgefüllt wurden.

Nach dem Frühstück packte ich meine Sachen und machte mich auf den Weg. Nun lief ich auf die Torres (es sind noch nicht die eigentlich Türme, die dem Park den Namen geben) zu und immer wieder blitzten sie durch den Nebel, der langsam von der Sonne aufgesogen wurde. Ein paar kleine Schauer wollten mich zunächst noch ärgern, haben es aber nicht geschafft. Ich erreichte zur Mittagszeit den Lago Pehoe und schließlich auch die Hosteria Las Torres. Hier mußte ich mich nun für „W“ oder „Q“ entscheiden. Aufgrund des an der Ranger-Station angeschlagenen Wetterberichtes entschied ich mich für das „W“ und machte mich auf zum Gletscher Grey.

Der Weg dorthin sollte mit dem ganzen Gepäck (ich hatte Vorräte für 10 Tage) doch schon etwas beschwerlich werden, denn ständiges Auf und Ab wurde von stets starkem Gegenwind begleitet. Aber ich wurde dafür mit wunderschönen, farbigen Blicken belohnt und immer mal wieder kam die Sonne heraus. Das letzte Stück führte wieder entlang einer Lagune. Das Wasser glitzerte herrlich und hier und da konnte man himmelblaue Brocken im Wasser erkennen. Die Lagune wird vom Inlandeis gespeist und immer mal wieder bricht ein großes Stück Gletschereis ab und treibt „flussabwärts“.

Am Ende zögerte sich der Weg dann doch etwas arg heraus und ich war dann doch erleichtert als ich am Campingplatz ankam. Am Ufer der Lagune gelegen und windgeschützt durch den umgebenden Wald ist das ein sehr schöner Ort zum Bleiben. Trotz Nebensaison war es recht voll und ich mag mir gar nicht vorstellen, wie überfüllt das Camp zur Hochsaison ist. Von denen die da waren kannte ich die meisten schon. Letztendlich gehen doch alle den gleichen Weg. Während die Sonne unterging und dem ganzen Platz eine schöne Abendstimmung verlieh, trieb noch ein Stück Eis vorbei, sodass ich mein Abendbrot noch für ein Foto unterbrach. Am Abend konnte man nur noch vernehmen wie nach und nach das Zischen der letzten Kocher verstummte, bevor sich eine angenehme Stille durchsetzte.

Tag 3

Mausfrei und ausgeruht war ich an diesem Tag schon relativ zeitig wach. Mein Plan war es, den Gletscher Grey, oder zumindest den Blick darauf, für mich ganz alleine zu haben. Lediglich eine kleine zeitliche Einbuße hatte ich zu verzeichnen: Während des Frühstücks ging gerade die Sonne auf und tauchte die Berge in ein saftiges Rot, was mich wiederum dazu verleitete, mir das genauer zu betrachten.

Und tatsächlich hatte ich den ganzen Mirador für mich alleine. Mein Plan, erst am Morgen hier hoch zu gehen, ist aufgegangen. Am Ende einer steinernen Plattform geht es steil hinab in die Lagune, die hier eine Bogen macht. Man kommt dem Gletscher richtig nahe, obwohl man doch einige hundert Meter weg ist. Und soweit das Auge blicken kann ist nichts als meterdickes Eis. Erst am Horizont ragen ein paar Berge hindurch. In einem Seitenarm konnte man noch zwei große Brocken aus Eis sehen, die wohl noch eine Weile brauchen ehe sie vollständig geschmolzen sind.

Mein Weg führte mich wieder zurück zum Lago Pehoe. Auf dem Hinweg hatte ich Gegenwind, sodass ich nun Rückenwind haben sollte. Sollte! Es war aber ein windstiller, sonniger Tag, sodass ich mich fast über die Hitze beklagt hätte. Schwitzend kam ich am Zwischenziel an und machte erstmal Pause im Freien.

Bevor die Wolken wieder zuzogen, bin ich mit zwei anderen Deutschen, die ich bei der Mittagspause wiedergetroffen hatte, in hohem Tempo in Richtung Campamento Italiano weitergegangen. Auch dieses Camp ist wirklich schön mitten im Wald, direkt an einem rauschenden Gebirgsbach gelegen. Nur war es zunächst schwierig einen Platz für das Zelt zu finden, nachdem ich gegen einen Amerikaner im Schnick-Schnack-Schnuck um den letzten trockenen Platz verlor. Standesgemäß gab es Käse-Tortellini mit Thunfisch (Danke an Christian und Christin für diese leckere Idee). Direkt nach dem Essen setzte heftiger Regen ein und ich ging schlafen.

Tag 4

Der Tag begann für mich wieder um 6 Uhr. Ich wachte allerdings diesmal umgeben von Wasser auf. Es hatte in der Nacht so stark geregnet, dass das Wasser in mein Zelt eingedrungen war und die Isomatte meine trockene Insel darstellte. Ich machte erstmal Kaffee, um in Ruhe nachzudenken, was ich nun tuen werde, als es wieder anfing zu regnen. Frühstück gab es dann also auf der Insel. Ich wollte erstmal abwarten und einen Ruhetag einlegen, schließlich hatte ich genügend Zeit, Vorräte und Lesestoff. Gegen 10 Uhr zog ich mit dem Zelt auf eine trockenere Stelle um, wischte das Zelt aus und machte nochmal Kaffee. Kaum waren der Kaffee getrunken und die ersten Zeilen gelesen, prasselte erneut Wasser von oben aufs Zelt. Ein paar Momente später kamen Wassermassen vom Hang herunter und fluteten erneut mein Zelt. Jetzt hatte ich, gelinde gesagt, die Schnauze voll und entschied mich, ein anderes Mal wiederzukommen. Nachdem ich mein Zeug komplett gepackt hatte, wartete ich noch vergebens im Unterstand auf ein Nachlassen des Regens und ging wieder zurück zum Lago Pehoe.

Dort angekommen hielt ich es für das Beste, nicht noch eine Nacht zu campen, sondern in ein trockenes aber teures Bett der Hosteria umzuziehen. Am Abend mischte ich noch mein Essen mit dem von zwei anderen Deutschen, die ebenfalls abgebrochen hatten, und heraus kam ein richtig leckeres Festmahl. Dazu gab es Cappuccino aus Kakao-, Kaffee- und Milchpulver. Und Wasser :-).

Tag 5

Irgendwie hab ich es schon genossen, in einem warmen Bett aufzuwachen, obwohl mir der ganze Luxus mitten in der Natur wenig zusagt. Ist doch schon ziemlich versnobbt. Und so habe ich draußen bei den anderen Campern gefrühstückt und auf den Catamaran gewartet, der mich dann zum Bus übergesetzt hat.

Die Busfahrt sollte nochmal spektakulär werden: Kurz vor Puerto Natales gab es einen Ruck und ein lautes Schleifen. Erst als ich abseits der Straße etwas mit hoher Geschwindigkeit rollen sah, dass aussah wie ein Reifen, begriff ich was los war. Der Busfahrer brachte den Bus aber sehr routiniert (*grübel*) zum Stillstand. Da noch ein Bus in Richtung Puerto Natales direkt hinter uns fuhr, wurden alle samt Gepäck für die restlichen 20 Minuten umgeladen. Obwohl ich das Gefühl hatte, das auch hier gleich eine Achse bricht, ging alles gut.

Ich hab dann gleich nach einem kurzen Zwischenstop bei Bill den Bus nach Punta Arenas genommen und war am Abend wieder „daheim“.

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1 Response

  1. Tobi sagt:

    Hi grosser Trekker,

    habe mit Spannung Deine Berichte gelesen! Da wuerde ich am liebsten direkt den naechsten Flieger nehmen und nach Suedamerika jetten. Wir sind nach dem halben Jahr Australien wieder in good old Germany angekommen und ich muss gestehen, an Dauerurlaub kann man sich gewoehnen… Von Regen war bei uns im Norden Australiens die letzten 2 Monate nicht viel zu sehen :-)
    Wann musst Du den Amerika de sucre den Ruecken wieder kehren und kommst zurueck?
    Tim hat sich im uebrigen zum Kletterer in Australien entwickelt – ich glaube, da ist Potential vorhanden :-)

    Bis bald & viele Gruesse von uns aus Deutschland!

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