Jahreserste am Mt. Kenya

Lang hat das nächste große Bergabenteuer auf sich warten lassen. Mehr als sechs Jahre nach dem Huayna Potosí endlich wieder Höhenluft. Der Beitrag damals war betitelt mit „Warum man es immer wieder tut“. Und es war nur eine Frage der Zeit.

Nachdem mein Plan eigentlich zunächst ein anderer war, juckte es dann doch in Fingern und Zehen. Denn nach einiger Inaktivität war es nun dringend Zeit, die Bergschuhe auszupacken und der frischen Höhenluft zu folgen. Noch am zweiten Weihnachtsfeiertag bekam ich eine Mitfahrgelegenheit nach Nairobi. Begleitet von vielen Warnungen vor den Schattengestalten der Stadt (daher mitunter auch die Bezeichnung ‚Nairobbery‘) fuhr ich los und kam in einer Großstadt ohne Menschen an. Die meisten Bewohner waren immernoch im ganzen Land verstreut bei ihren Liebsten. Für mich als Naturliebhaber war das aber schon das aufregendste, hat Nairobi mir doch nicht wirklich viel zu bieten. So war es nur ein Stopp, bevor es weiter nach Norden nach Nanyuki zum Fuße des Mt. Kenya ging.


Vereinbart war, so ist es üblich, ein Guide, ein Koch und ein Träger. Als etwas geübter Mehrtageswanderer kommt einem das schon recht albern vor. Und so lies ich mir mein Zeug nicht wegnehmen und da waren es nur noch zwei. Ein Guide und ein Hybrid-Porter/Koch.

Es ging erst wirklich am Nachmittag los. Und auch nicht wirklich weit. Allerdings vergleichsweise hoch starteten wir auf 2700m und erreichten 3400m für die erste Nacht. Drei einfach Hütten für Küche, Begleitung und touristisches Nachtlager. In der für Touristen vorgesehenen Hütte konnte man schon die Fragen hören, die man am letzten Tag spätestens über hat: kommst du hoch oder gehst du runter? Was hast du vorher schon gemacht? Wo warst du sonst noch oder ist es sonst noch schön. Dazu gibt es als quasi Standard veranstalterübergreifend Popcorn, Pappkekse und Tee, Kaffee, Kakao. Sie geben sich ja Mühe, aber im Laufe der Zeit lernt man, es als Running Gag zu betrachten. Mal ehrlich: ein Riesenteller Popcorn für eine einzelne Person als Nachmittagssnack? :-)

Aber gut. Kaffee war ja da. Und genau der sollte mir zum Verhängnis werden. Hatte ich doch eigentlich gelernt, dass sich Kaffee und Höhe nicht wirklich gut vertragen. Ja, manche Dinge lernt man zweimal. Mindestens. So wurde es also eine etwas unruhige Nacht. Vom Kaffee in Rage gebracht und von der ungewohnt dünnen Höhenluft angespornt, pochte das Herz unüberhörbar die ganze Nacht. Zumindest war es muckelig warm in meiner neuen Daune.

Am nächsten Tag konnte man gleich das für diesen Berg übliche Wetter sehen. Nachts sternenklar, morgens wolkenfrei, mittags zieht es sich zu und am Nachmittag Schauer. Jeden Tag. Man kann sich fast die Uhr danach stellen. Sollte man auch. Der frühe Vogel … . Während ich eigentlich sonst mit ‚kann mich mal‘ vervollständigen würde, trimmt mich der Vorteil des Ungestörtseins immer wieder auf ein zeitiges Aufstehen und frühes Aufbrechen. Und dieses Mal war nur noch mein Guide dabei, streng genommen ein Hybrid-Guide/Koch. So, wie es eigentlich auch sinnvoll ist. Aber erklär das mal einem Afrikaner. Durch tolle Landschaften und ganze Wälder von Lobelien ging es weiter bis auf 4300m. Und da war sie wieder. Die tolle Höhenluft, die ich spätestens dann vermisst haben will, wenn ich sie wieder atmen durfte. Und am Nachmittag zeigte sich trotz Bewölkung dann für wenige Momente der Gipfel.

Am dritten Tag ging es mir dann echt nicht gut. Sagen wir es so: es fiel mir arg schwer, an mir zu halten. Interessanterweise nicht massgeblich wegen der Höhe. Vielmehr hatte mein Magen arge Probleme. So war es wirklich schwer, etwas zu finden, das ich in mir behalten konnte. Aber Nudeln gehen immer und mein Begleiter hatte auch gleich was parat. Ich hatte einen extra Tag gebucht, damit ich einen extra Tag vor dem Gipfelsturm hatte. Den nutzte ich, um das Gipfelmassiv nahezu zu umrunden. Ein wahrhaft toller Gipfel. Insbesondere machte ich mich auch schonmal vertraut mit den etwaigen zukünftigen Besteigungen der beiden höchsten Gipfel Nelion und Batian. Schließlich hatte ich es diesmal nur auf den nicht-technischen und weitaus populäreren dritthöchsten Punkt Lenana abgesehen. Und am Ende des Tages war ich nicht nur toll akklimatisiert, sondern meinem Verdauungstrakt konnte jetzt auch wieder mehr zugemutet werden.

An Tag vier war es dann endlich so weit: Gipfelsturm. Nachts um zwei. Genauer gesagt wenige Minuten danach brachen wir auf. Insbesondere am ‚brachen‘ lag diese Verspätung. Mit den Worten ‚too much tea‘ lies ich meinem Unwohlsein ob der zweiten Tasse Tee freien Lauf. Dann war alles super und es konnte losgehen. Obwohl es erst nicht so wirklich danach aussah oder es sich danach anhörte. 😉

Wir waren eine der ersten Gruppen, die mit kleinen Lichtkegeln durch das Dunkel stapfte. Und das eigentlich gemäßigte Tempo war am Ende doch recht zügig. So überholten wir noch ein paar Gruppen, die eher gestartet waren. Insbesondere die Gruppen, die sich laut mit Pop-Musik aus einem Kofferradio beschallen ließen. Eine Unart, die ich wohl nie verstehen werde. Gegen fünf erreichten wir eine kleine Nische und der Guide rief zur Zwangspause. Wir waren zu schnell gewesen. So warteten wir fast eine halbe Stunde unterhalb des Gipfels. Als dann die nachfolgenden Gruppen auch langsam da ankamen, gingen wir sofort weiter und bei leichtem roten Glühen am Horizont erreichten wir den Gipfelpunkt Lenana (4895m). Ganz nach Jahresersten-Manier: kalt, etwas Schnee, der Sachse ist der erste am Gipfel und der Rotz am Bart fest gefroren. Einen Haken hatte das ganze allerdings. Es war der 31.12. und nicht Neujahr. Sei’s drum … es ist trotzdem meine Jahreserste. Während nach und nach immer mehr Menschen den Gipfel erreichten, ging langsam die Sonne auf. Und da war es wieder. Das sensationelle Glühen des von hier oben so stark gewölbt wirkenden Horizonts. Weit entfernt und überaschend klar ist in 600km Entfernung der Kilimanjaro die einzige Erhebung weit und breit sichtbar. Die Gipfel rundherum sind in fantastische Farben getaucht. Erst blau, dann rötlich und immer leuchtender, bis dann die Sonne den Horizont durchbricht. Sagenhaft und ganz bestimmt ein Grund, wieso man es immer wieder tut. Und dann die Luft! Toll! Und immer wieder schweift mein Blick hinüber zu den technisch zu erkletternden Hauptgipfeln. Da muss ich wohl nochmal wiederkommen.

Der Abstieg geht dann wie von selbst; und nach einem ausgedehnten Frühstück auch weiter bis ins Tal zurück auf 3400m. Dort sollte dann die mit Abstand lahmste und zugleich eine der lustigsten Sylvester-Parties stattfinden. Reichlich erschöpft beschließen wir (wir sind nunmehr drei deutschsprachige Touristen als kleine Gruppe), erstmal bis 22 Uhr zu schlafen, nachdem wir uns beim Hüttenwirt (hier Caretaker genannt) mit Bierchen eingedeckt hatten. Sonst hätte auch keiner bis Mitternacht durchgehalten. Nicht wegen des Biers, wegen des Schlafes. Kurz vor 22 Uhr realisierten wir, dass die deutsche Riesengruppe, der wir vorher aus dem Weg gegangen waren, komplett in die Heia gegangen war. Wissend, dass die Gruppe den Gipfelsturm noch vor sich haben wird und auch, dass das für die meisten das erste Mal sein wird und beachtend, dass die ganze Hütte sehr hellhörig war, fingen wir an, unsere Gipfelerinnerungen recht übertrieben zu reflektieren. „Man war das kalt am Gipfel. Bin ja froh, alle 9 Zehen heil runter gebracht zu haben … “ etc. Zudem hatten wir gut einen im Tee. Auch wenn die Wissenschaft es als Unfug abtut: In der Höhe trinken steigert den Rausch. Egal warum, es ist so. Endlich Mitternacht wünschten wir uns fast schon ob der Müdigkeit fast schon erleichtert „Prosit Neujahr“, beobachteten die Rakete[sic!] des Ortes und feierten noch ein bisschen mit den Locals, die das neue Jahr mit Vuvuzelas begrüßten.

Am nächsten Morgen hörten wir noch aus den Betten, wie unsere „Gipfelstrapazen“ am Frühstückstisch ehrfürchtig von der anderen Gruppe diskutiert wurden :-)

Bis ins Tal waren es dann nur noch wenige Stunden zu Fuß, bevor diese Bergfahrt schon vorbei war. Ich komme hierhin gerne wieder. Eine wirklich tolle Landschaft und ein traumhafter Gipfel.

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